Mama. Papa. Ihr habt mich nicht in die beste Welt gebracht, wisst ihr. Ihr habt mich nicht zu dem richtigen Pass gebracht, noch dem richtigen ökonomischen Status, ihr habt mich nicht in die richtige Sprache gebracht. Ihr habt mir nicht die richtigen Einstellungen vermittelt, ihr habt mir nicht die Wahrheit gesagt, und ich schätze, ihr selbst habt die Wahrheit nicht gekannt. Ihr gabt mir nicht mehr emotionale Intelligenz als die vom Stil amerikanischer TV Shows, ihr habt nicht erklärt was in dem Dorf unten am Berg passierte, und was dieses Tränengas sollte, dass jeden Morgen von dort aufstieg und uns in Tränen aufwachen ließ. Ihr habt gesagt, dass sich dort die Araber nicht benehmen können und dass die Armee für Ordnung sorgen muss. Ihr sagtet, dass sie sich untereinander bekämpfen, „sie erschießen sich sogar während ihrer Hochzeiten, das ist ihre Kultur“. Jeden Morgen gabt ihr uns eine halbe Zwiebel mit dem Schnuller, um die Tränen zu stoppen, dann schicktet ihr uns in die Armee. Ihr habt uns nicht in die beste Welt gebracht, aber immerhin gab es immer zwei Sorten Cornflakes im Küchenschrank, wenn ihr wisst, was ich meine, und sogar wenn man etwas Armee-Tränengas bekam, bekam man es zufällig ab, ich meine, niemand würde es vorsätzlich auf dich abfeuern. Es war nicht die beste Welt, auf die man kommen konnte. Und obwohl ihr, Mama und Papa, heute Abend nicht mit mir seid, möchte ich euch danken. Es hätte schlimmer kommen können.
 

LET THE BLOOD COME OUT TO SHOW THEM [VOL. 2]

DIE GESCHICHTE VOM LEBEN UND STERBEN DES NEUEN JUPPI JA JEY JUDEN

Uraufführung: 2.11.2017, Gorki Theater Studio Я, Radikale Jüdische Kulturtage
Regie: Sasha Marianna Salzmann | AUS DEM ENGLISCHEN VON Sasha Marianna Salzmann
Nach zehn Jahren in unserem kleinen Haus auf dem höchsten Punkt des grünen Hügels – sagtest du, Mama, dass es reicht. Ständig dem Tränengas ausgesetzt zu sein, schadet unseren zarten Augen, deshalb müssten wir gehen. „Wir hatten genug“, sagtest du, „lass die Araber sich gegenseitig töten, es ist ihr Chaos, nicht unseres, lass sie sich gegenseitig töten.“ Wir ließen die Explosionen und die morgendlichen Tränen hinter uns.
 
Die Familienkatze, die feuerrote kleine Katze mit den schwarzen Streifen auf dem Rücken – sie wurde auch zurückgelassen. Mama sagte, dass die Katze uns allen zur Last falle und dass der Umzug eine gute Zeit wäre für Veränderungen.
„Sachen loswerden, die dir nicht guttun, ist die Kunst der Selbsterhaltung“, sagte Mutter, „die Katze gehört dazu“. Während des letzten Monats in dem kleinen Haus oben auf dem Hügel, verstreute Mama haufenweise schwarzen Pfeffer überall. Auf den Fensterbänken – schwarzen Pfeffer, vor der Haustür – schwarzen Pfeffer, im Hinterhof und um das ganze Haus herum – schwarzen Pfeffer. Sie sagte, die Katze sollte aus eigener Entscheidung fliehen, sie wäre nicht diejenige, die sie rauswerfe: „Ich sage niemandem, was zu tun ist, in meinem Haus entscheidet jeder selbst, ob er bleibt oder geht“. Nach verzweifelten Kämpfen und vier Kilogramm schwarzem Pfeffer, haute die Katze ab, und die Aussicht aus dem Fenster, die immer versperrt war von dem gestreiften feuerroten Fell, war jetzt das erste Mal frei.
Frei.

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