LET THE BLOOD COME OUT TO SHOW THEM [VOL. 1]

YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB

ein übersetztes Klagelied mit einem furchtbarem Akzent

 

URAUFFÜHRUNG: 23.6.2017, Deutsches Theater Berlin, Autorentheater Tage, Regie: András Dömötör | UND: Kasemattentheater Luxembourg,
Regie: Max Claessen | UND: Theater Konstanz, Regie: Nicola Bremer | ∞ aus dem englischen von Henning Bochert
 
Die schwarzen Rauchwolken über der Stadt – tweeten, posten, beschreiben, qualmend, die Katastrophe all jenen, die rechtzeitig fliehen konnten.
Die Stadt brennt, und wir stehen alle drum herum. Die Stadt wird gegangbangt – und wir gucken zu.
Inzwischen ist sie tot. Inzwischen ist sie wahrscheinlich tot. Ja, meine Stadt. Sie ist tot und alle sind tot, liegen nackt auf den Straßen, und auch, wenn du weglaufen würdest, würdest du immer tot in ihr zurückbleiben. Auch wenn du dachtest, du könntest aus ihr fliehen, bleibst du tot in ihr zurück. Wie ein toter Embryo in einem Bauch.
Wie lange bleibt ein Embryo am Leben, wenn die Mutter schon tot ist?
Lebendig in einem toten Körper. Meine Stadt und ich.
Und der Moment, in dem wir begreifen, dass wir gefangen sind. Auf den Hausdächern, und in der Prophezeiung. Der Moment, in dem wir ein letztes Mal den Kopf drehen. Der Körper läuft schon voraus und der Kopf blickt zurück. Mit diesem Moment eröffnen wir unser Klagelied. Und ihr, liebe Zuschauer, wischt die Tränen ab. Weint nicht um uns heute Abend.
Das Bonbonglas ist zerbrochen, wir, Bonbons, sind herausgekullert, und da sind wir nun. Zwischen euren Füßen.
Über die ganze Welt waren wir verstreut. Keine Brüder, keine Schwestern. Wir sind jetzt hier. Auf euren Straßen, auf euren Ämtern, in euren Nachrichten.
Die Türen sind zu. Die Vergangenheit ist vorbei. Unsere Mütter wurden auf den Straßen verbrannt wie Hexen, unsere Fußballmannschaften sind aus der Liga geflogen, und keine Eurovision-Partys mehr für uns. Unsere Sprache hat ihren Sinn verloren und unsere Schiffe, unsere Märsche, unsere Züge… Oh, sie wurden Symbole in euren Zeitungen, schickes Projektmaterial für eure politischen Künstler, eine ganze Welt neuer Arbeitsmöglichkeiten für eure Sozialarbeiter. Tagein, tagaus kümmert ihr euch um unser Problem, keine Frage. Danke.
Feuer. Und Erinnerungen. Unsere brennende Vergangenheit.
Aber das vergessen wir mal. Jetzt gibt’s nur noch uns. Uns. Euch. Diese Bühne. Hier begegnen wir uns.
Und mal ehrlich. Wir müssen ein bisschen faken, so tun, als ob, damit es funktioniert.
Wir – tun so, als ob wir irgendeine Ahnung von euch hätten, als ob wir euch irgendwas zu erzählen hätten. Ihr – tut so, als ob ihr uns zu verstehen versucht. Ja. Das ist das Mindeste, was ihr tun könnt. So zu tun, als hättet ihr es versucht.
So oder so – heute Abend verkaufen wir hier all unsere aufgegebenen Habseligkeiten. Alles, was wir zurückgelassen haben, als wir weggelaufen sind. Und machen wir uns nichts vor – wir verkaufen es unter Tränen. Und machen wir uns nichts vor – wir verkaufen es euch.
Unsere verlassenen Häuser, all die Gegenstände darin, werden, so in 30 Minuten, eure wohlsubventionierte Immigrantenpoesie.
Vielen Dank, dass wir an euren Förderungen teilnehmen dürfen. In unserer Stadt muss man die Flagge der Stadt hochhalten, wenn man sich um eine Stelle bewirbt.
In meiner Stadt gibt es keine Kunstprojekte mehr. Die Künstler und die Bienen, die sind zuerst gestorben. Die Künstler wurden auf Bühnen erschossen, vor den Augen der aufgebrachten Menge, weiße Flaggen im Arsch.

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