LIEBE/

Eine argumentative Übung

URAUFFÜHRUNG: 26.09.2019, NATIONALTHEATER MANNHEIM, REGIE: JAKOB WEISS

Und: Münchner Kammerspiele, Regie: Heike Göetzte

aus dem englischen von MAREN KAMES

Nominierung für den Mühlheim Dramatiker:innenpreis 2022
Weitere Inszenierungen in den Münchner Kammerspielen, Luzerner Theater, Kosmos Theater Wien, Schauspiel Bochum, Tantarantana Theater Barcelona, Festival für zeitgenössische Dramaturgie Chile und Mehr
 

Und nichts wird dadurch gelöst, ihn zu beschuldigen, richtig? Es war nicht er. Nicht nur er. Ich bin es. Und nicht nur ich. Es ist meine Mutter und Großmutter und  Urgroßmutter, die in mir leben und aus mir sprechen; und es sind die Medien, die Geldgeber, die Werbung, die Väter und Opas, die mich auf der Straße angestarrt haben, seit ich elf war, die Institutionen, die sie unterstützen, es sind die Präsidenten, ihre Sprache, die Mösen, die sie begrapscht haben, ihr Publikum, es ist das Publikum, ja, ihr seid es, es seid auch ihr, sehr verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Zuschauer, die Art und Weise, wie ihr meinen Körper angesehen habt, als ich reingekommen bin, ja, ihr seid es auch, ihr habt geguckt, ihr habt diesem Körper nie gestattet, neutral zu sein, nur das zu sein, was er ist, neutral, nur sich selbst gehörend, nein! Ihr habt uns verglichen, uns miteinander verglichen, ihr habt mich mit ihr verglichen, und ihr habt sie mit ihr verglichen, und ihr habt sie mit mir verglichen! Für eine 20-Euro-Theaterkarte habt ihr uns mit euren Augen abgewogen, ihr habt uns ausgezogen und unsere Brüste gecheckt wie Früchte im Supermarkt – und wir halten die Luft an und performen und tanzen weiter für euch wie HofnäRRinen! Und jetzt stellt euch vor, ich würde aufstehen und den Mund aufmachen wie ich’s sollte, und jetzt gehen und Anzeige gegen euch erstatten! Zum Beispiel, dass ich euch einfach anzeigen würde für die Art und Weise, wie ihr mich angesehen habt, als ich heute Abend die Bühne betreten habe. Wisst ihr, was passieren würde? Ich würde sofort eingeliefert werden. Weil was werfe ich euch vor? Dass ihr mich anschaut? Ihr seid das verdammte Publikum! Stellt euch einfach vor, ich würde’s tun, ich würde jetzt hingehen und mich über all die Gesichter beschweren, von denen ich mich aus dem Publikum heraus belästigt gefühlt hab. Die würden nicht glauben, was sie hören! Ich war diejenige, die entschieden hat, sich hier hinzustellen und ihren Körper unter die Lichter und vor euch hinzustellen, richtig? Ich war diejenige, die einen Vertrag mit dem Theater unterschrieben hat! Wenn ich hingehen und mich darüber beschweren würde, von euren Blicken belästigt worden zu sein, während ich auf der Bühne stand, würden die mich an ein Bett binden, eingeliefert, Fall für die Psychiatrische, und au revoir, le monde du théâtre! Und … ja. Das ist genau das, was ich versuche über Popeye zu sagen. Ich kann ihn nicht für Dinge beschuldigen, die Teil des Fundaments der Situation sind. Ja, da ist ein Publikum – also gibt es einen Blick. Da ist eine Beziehung – also gibt es Scham. Und Nacktheit und Enttäuschungen. Und jetzt will ich das alles stoppen. Und ich will, dass er eine gute Zeit mit mir hat. Ich will Ruhe. Ich will Zuhause. Spinat und Pasta Dinner. Einen Schluck Whisky bevor wir einschlafen. Sex. Einfach nicht das verrückte Paar sein, das schreiende Paar, das Zu-lange-Diskussionen-Paar, das Im-Urlaub-leiden-Paar. Nein. Harmonie. Selbst wenn man dafür einen Schritt zurücktreten muss. Harmonie – selbst wenn man dafür ein bisschen lügen muss. Harmonie – selbst wenn wir uns dafür ein bisschen verkleinern müssen, ein bisschen die Klappe dafür halten müssen, uns ein bisschen die Köpfe dafür verbiegen müssen. Harmonie – selbst wenn wir dafür ein Leben lang faken müssen. Am Ende des Tages erinnere ich mich daran: Popeye kommt heim zu mir. Er ist hier. Mit mir. In unserem Zuhause. Weil ich harmonisch bin. Weil ich friedlich bin. Weil auch ich das stille Paar sein kann, das stille, harmonische Pärchen sein kann. Schlafen gehen ohne Dramen, auf meiner Seite des Bettes liegen, leise weinen, um nicht zu stören, mich einmal alle paar Jahre selbst einweisen, wenn mein System kollabiert, es ist das gleiche Bett für jeden, und wir liegen alle verkleinert und zusammengefaltet auf „unserer Seite“ davon, im Namen von Frieden und Harmonie. Ihr tut es, und ich auch. Ich meine. Olivia. Ich meine: sie auch.

 

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