Wounds Are Forever

(Selbstportrait als Nationaldichterin)

 
 
Durch das Adriatische und das Ionische Meer, am Meeresboden des Mittelmeers entlang, Seite an Seite mit den Tiefseefischen, schwimmen eine Partisanin und eine Deutsche Schäferhündin über die unsichtbaren Routen des Ozeans, den Todeszeichen auf seinem dunklen Grund folgend. Sie sammeln Knochen um Knochen, Schädel um Schädel auf und begraben sie unter den warmen, kurvigen Hüften der Schiffswracks, die sie auf ihrem Weg entdecken:
 
יִתְגַּדַּל וְיִתְקַדַּשׁ שְׁמֵיהּ רַבָּא/
בְּעָלְמָא דִּי בְרָא, כִרְעוּתֵהּ/ וְיַמְלִיךְ מַלְכוּתֵהּ/
וְיַצְמַח פּוּרְקָנֵה, וִיקָרֵב מְשִׁיחֵהּ/ 
בְּחַיֵּיכוֹן וּבְיוֹמֵיכוֹן וּבְחַיֵּי דְכָל-בֵּית יִשְׂרָאֵל/ בַּעֲגָלָא וּבִזְמַן קָרִיב, וְאִמְרוּ אָמֵן/
 
Amen
 
Sternchenkommentar: *Amen.
 
„Amen”, murmelt die Protagonistin 13.000 Fuß unter der Meeresoberfläche.
Absolute Dunkelheit.
Mitternachtszone, weit außer Reichweite des Sonnenlichts, wo das Wasser dick ist, geleeartig dick, sie sinkt.
Tage und Nächte vergehen, aber Ben Yishai und ihre Begleiterin haben angehalten. Unter den Knochen und Schädeln derer, die vom Ozean verschlungen wurden – rollen sie sich ineinander, rollen sich ein in die Vergangenheit, zusammen mit den Toten – geräuschlos, bewegungslos, ohne Antrieb weiterzugehen-
 
Sternchenkommentar: *Wir brauchen eine Dea ex Machina hier, sonst ist der Abend vorbei!
 
Psst, hey/
Hey, Jew!/ 
Listen to me, Jew/
Ich/
Ich glaube/ Ich sehe etwas/ 
I think/ I see the seashore!/
 
Was …?
 
Do you hear me, Jew?/
Ich sehe/
Ich glaube/ Ich sehe die Küste!/
 
Die Küste?
 
Mit einem Mal befreit sich die Hündin aus dem tiefen Unterwassergriff und fasst Sivans Hals mit ihren starken Vorderzähnen, als wäre unsere Heldin ihr kleiner Welpe.
Kilometer um Kilometer trennen den Meeresboden von der Wasseroberfläche, die dunkle Tiefe der Vergangenheit von ihrem weit entfernten Notausgang. Doch die Hündin zieht ihre Meisterin weiter und weiter und immer weiter – bis sie schließlich die Wasseroberfläche durchbrechen und wie zwei wunderschöne Delfine mit einem Spucken aus dem Wasser springen.
 
Oh, Jew/
I missed you!/
 
Sivans Körper – nackt, 
ihre Haare – voller Muscheln,
ihre Augen – blind vom Salz;
und als diese jüdische Venus in Richtung der Küste humpelt – friert sie plötzlich auf der Stelle ein:
 
Falastin.
 
Oy-Oy-Oy/ 
Das erste Wort ist gesprochen/
Rewind/ Lasst es uns nochmal anschauen:/
 
Falastin.
 
Falastin/ Hat sie gesagt/
Und sofort bricht Blut aus einer neuen Wunde und wütet in unsere Richtung/
 
Aber/
Sorry/
Können wir mit dem Blut bitte noch kurz warten?/
Können wir den Storytelling-Apparat kurz anhalten?/
Falastin/ Hat sie gesagt/
Und schon klopft das bekannte, vertraute Szenario an die Tür:/ 
Eine Stimme wird wiederholen:/
,Falastin’/
Eine andere wird rufen:/
,Israel’/
Die Deutschen Schäferhunde werden bellen:/
Shoah/
Shoah/
Shoah/
Irgendwann wird ein dumpfer Ruf aus dem Publikum zu hören sein/
Ein wütender Zuschauer wird aufstehen, den Saal verlassen und die Tür zuschlagen/
Beschämtes Lachen wird ihm folgen/
Schwacher Applaus am Ende der Vorstellung/
Niemand wird zum Nachgespräch bleiben/
Aber schaut, Freundinnen und Freunde/
Wie nichts sich jemals ändert/
 
Not in the story/
Not in the storytelling/
 
Oh, Jews/
Es liegt so viel Gewalt/ in der Konstruktion eines einzigen Plots/
So viel Blut/ im Insistieren auf einem Narrativ/
 
Insist on one narrative/ And you’ll see how the blood comes out/
And you’ll see how the blood replicates/ 
And you’ll see how the blood rhymes/
 
Insistiert auf einem Narrativ/ und ihr werdet sehen, wie das Blut austritt/
Und ihr werdet sehen, wie das Blut sich wiederholt/
Und ihr werdet sehen, wie das Blut sich reimt/
 
The half dead Jew/ und ihre erschöpfte Deutsche Schäferhündin/ kommen in Falastin an/
Und Ay-Ay-Ay/
Eine weitere Sackgasse erwartet uns/
In the story/ In the history/
Ein weiteres binäres Klischee/
And this is why we must stop again/
For a moment/
Stopp/
Weil der Moment/
Dieser Moment/
Jeder Moment/
Is a laboratory/ Of both the past and future/
Ein Laboratorium der Vergangenheit und der Zukunft/
Und wir müssen jetzt anhalten/
Oy-Oy-Oy/
Einfach anhalten/
Weil wir jetzt den Punkt des Übergangs erreicht haben/
 
Zwischen zwei Kontinenten/
Zwischen zwei Konflikten/
Zwischen zwei Geschichten/
 
And would we just halt/ 
For half a century halt –/ 
 
Sternchenkommentar: *Die Klezmerin hat darum gebeten, anzuhalten, sie hat gebeten, anzuhalten!
 
Die Jüdin überlebt die Shoah und kommt in Falastin an/
Und während sie sich selbst in der Wunde verankert/
In der Wunde, die die Zukunft sein wird/
Müssen wir Pause machen/
Denn selbst die aufgewühlte Zuschauerin/
Die normalerweise aufstehen und vor Panik schreien würde/
Muss hier zustimmen/
Dass so viel Gewalt/ in der Konstruktion eines Plots liegt/
Und deshalb/
Müssen wir anhalten/
Aufhören/
Und so viele Details finden/ Wie wir können/
 
This is theatre/
Not a war/
 
Das ist Theater/
Kein Krieg/
 
So please, good Rebbes/ Hört mir zu/ Hört uns zu/
We must pause/ 
And listen/
And pause again –/
 
 
URAUFFÜHRUNG: 30.1.2021, Nationaltheater Mannheim, Regie: Marie Bues
aus Dem Englischen Von Maren Kames
Nominierung für den Mühlheim Dramatiker:innenpreis 2022 

 

 

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